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14. November 2010 7 14 /11 /November /2010 17:39

Ich glaube es schon einmal erwähnt zu haben, aber muss aus gegebenem Anlass nochmal darauf zurück kommen.

 

In der Zeit als wir noch in Sousa im Hotel wohnten und rund 60 km Arbeitsweg in eine Richtung bestritten, begab es sich, dass die Vögel - immer wenn wir vorbei fuhren - eine gewisse Flügelschwere besaßen. Dass endete  - häufiger als man es gewohnt war - mit der Determination des federtragenden Freundes durch den Aufschlag auf die Motorhauben und oder den Kühlergrill.

Da dieses Ereignis absurd häufig vorkam, fingen wir an die Abschüsse zu zählen und nach Nationalität der Fahrer zu trennen. Somit entstand ein Ranking zwischen Österreich und Deutschland, bei dem aber keiner versucht hat, absichtlich sich Länderpunkte auf der Straße zu erbeuten. Bei dieser redlichen Absicht ist es bis heute natürlich geblieben und wird es auch weiterhin bleiben, aber meine Trefferquote von „Großwild“ hat das Punktegleichgewicht doch deutlich in die deutsche Ecke verlagert. Es wird allerdings noch über eventuelle Umrechnungsfaktoren von Katze und Hund auf Vogel diskutiert (Gewicht, Volumen, Anzahl der Füße oder oder oder).

 

Die Diskussion wird wahrscheinlich noch härter geführt werden, wenn wir einen Umrechnungsfaktor für meinen neusten Eintrag in die Liste festlegen wollen; dem libyschen Taxi!

Die-Liste.JPG

Und das war so:

Thore und ich als Fahrer waren in Dernah unterwegs. Die Straße bestand aus zwei Fahrspuren je Fahrrichtung, die durch den 15 m breiten Wadi Masoud getrennt und gelegentlich durch Überfahrten verbunden wurden.  Ich fuhr auf der linken Fahrspur grade aus und kurz bevor ich eine der Überfahrten links neben mir passieren wollte, schoss ein Taxi rechts an uns vorbei und der Fahrer war sich anscheinend sicher uns ungehindert kreuzen zu können, um auf die Überfahrt zu unserer Linken zu gelangen. Ein Irrtum seinerseits.

Als das Taxi unerwartet vor uns rüber zog, blieb mir nichts anderes übrig, als zu bremsen und auch nach links zu lenken, in der Hoffnung einen Zusammenstoß ausweichen zu können. Aber es blieb bei der Hoffnung. Aus schrägem Winkel drückte sich unsere rechte Fahrzeugspitze auf den linken  hinteren Kotflügel und die Stoßstange des Taxi’s. Da unsere beide Fahrzeuge im Stadtverkehr keine übertrieben hohen Geschwindigkeiten hatten, viel der Rumps und der Schaden relativ gering aus.

Die-Liste_1-klein.JPGBei unserem Auto gab es nahezu nur schwarze Schrammen auf dem weißen Lack, allerdings hatte sich die Stoßstange des Taxis gelöst und auf voller Länge verschoben. Nachdem wir uns gegenseitig, nach dem Wohlbefinden befragt hatten und der Schaden begutachtet war, hieß es nun eine geschickte Gesprächstaktik einzuschlagen.

 

Da erinnerte ich mich an einen Blechschaden-Unfall, den ich mit meiner Familie aus der ersten Reihe mit verfolgen durften/mussten, als in Tripoli ein Taxi vor uns ganz kurzfristig beschloss links zu parken und das Taxi, in dem wir uns befanden, eine weniger schnelle Reaktionszeit hatte und dementsprechend leicht auffuhr. Beide stiegen aus schauten sich ihre ohnehin schon schrottigen Fahrzeuge an. Dann wurde kurz gequatscht, beide gaben sich lächelnd die Hand und jeder stieg wieder in sein Taxi und das Leben ging weiter. Mish Muskulat – kein Problem.

 

Das war doch jetzt genau das richtige für mich. Er hatte Schuld, ich kaum Schaden am Auto, also bin ich so entgegenkommend und erzwinge keine Kostenerstattung für meinen Schaden, alle steigen wieder in ihre Wagen und das Leben geht weiter. Mish Muskulat – kein Problem.

 

Da hatte ich allerdings die Rechnung ohne das „Im-Land-sein-gleich-Schuld“-Prinzip gemacht, das besagt, ein Ausländer ist immer Schuld an einem Unfall, da es keinen gegeben hätte, wäre er nicht im Land gewesen. Auf Grund dieses Prinzips wurde mir schon während meiner Anfangstage in Libyen geraten, nicht anzuhalten, wenn man an einem Unfall vorbeifährt. Das klingt zwar hart, soll aber auf Erfahrungswerten basieren.

 

Im nach hinein interpretiere ich auch in Richtung dieses Prinzips seinen aufhellenden Gesichtsausdruck, als er aus seinem Taxi stieg und mich „den Ausländer“ erblickte. Somit ging auch mein erster plumper Versuch, meinen Schaden zu begutachten und gutmütig zu sagen, dass das für mich kein Problem darstellt, daneben. Als ich ihm die Hand drückte und Richtung meines Wagens ging, erwähnte der Taxifahrer nämlich, dass es nicht sein Auto wäre und es für ihn schon ein Problem darstellt. Deshalb wolle er auch jetzt mit mir zur Polizei fahren…. Mist!

 

Polizei!!! Sowas kann nur richtig viel Zeit kosten und das „Im-Land-sein-gleich-Schuld“-Prinzip, gilt dort genauso, zusätzlich wird der Lappen zur Sicherheit konfisziert und  bis zur Isolationshaft ist alles möglich (auf jeden Fall in meiner Vorstellung).

Hmmm. Wir wechselten deshalb schnell zu einer Verzögerungs-Taktik, die damit begann, dass wir einen unserer libyschen Kollegen baten, als Dolmetscher zur Unfallstelle zu kommen. Der Taxifahrer war einverstanden und wir warteten erst einmal auf die Verstärkung.

 

Zwanzig Minuten später kam die Kavallerie in Form von zwei meiner libyschen Kollegen. Schnell konnten wir ihnen klar machen, dass wir nicht die Unfallverursacher waren und mit diesem Wissen ging es in die Verhandlungen.

 

Knappe 10 Minuten und gefühlte 14.000 libysche Wörter später, hatten meine Bullterrier den standhaften Taxifahrer weichgekocht und einen Vergleich heraus gehandelt, der verursachertechnischer Schwachsinn war, aber, den örtlichen Gegebenheiten geschuldet, ein Summa cum laude verdient hatte.

 

Im Ergebnis durchforsteten meine drei Kollegen und ich unsere Taschen, um die vereinbarten 100 Dinar für die Reparatur der Stoßstange, die in Deutschland mindestens 1.500 Euro gekostet hätte, aufzubringen. Ich sammelte dann das Geld ein und drückte das dreckige Bündel dem zufriedenen Taxifahrer in die Hand, alle stiegen wieder in ihre Wagen und das Leben ging weiter. Mish Muskulat – kein Problem.

 

Meinem libyschen Chefunterhändler war die ganze Sache sehr, sehr unangenehm und er entschuldigte sich noch mehrfach für das Verhalten seines Landsmannes und das wir als Geschädigte noch Geld zahlen mussten. Auch fand er es empörend, dass der Taxifahrer mit Argumenten wie „Ich habe heute noch kein Geld verdient“ die Reparatursumme in die Höhe treiben wollte.

 

Eine Sache macht mir allerdings Sorgen. Nachdem ich zwei Abschüsse innerhalb der letzten Tage zu verbuchen habe, ist es ja nur eine Frage der Zeit bis meine Kollegen kreativ werden und mir einen Spitznamen verpassen werden. Kann nur hoffe, dass es ein cooler Name wird. Nicht so etwas wie „Quacks der Bruchpilot“, denn Spitznamen haben doch eine sehr lange Halbwertszeit. Da bewahrheitet es sich das alte Sprichwort wieder: Wer den Schaden hat, braucht für den Spot nicht zu sorgen.

 

Wie dem auch sein, im Endeffekt ist alles noch einmal glimpflich abgelaufen und Thore ist weiterhin mutig genug, sich als Beifahrer neben mich zu setzen.

 

Deshalb wünscht euch Teddybär auch weiterhin:

 

„Allzeit gute Fahrt!“

 

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Kommentare

Totorello 11/18/2010 14:12


Danke für den Hinweis - ich glaube wir sollten ihn auf unserer nächsten Flucht vor wilden Taxi-Besitzern aus Derna beherzigen. Stell Dir vor, wir kämen plötzlich an der Grenze nicht weiter oder Du
hättest Skrupel die Grenze zu überqueren und sie hätten uns!


Maw 10 11/20/2010 08:35



Recht hast du. Bei solche einer Verfolgungsjagt sollten wir uns unbedingt auf Tschad konzentrieren oder vielleicht noch Niger. Alle mal sicherer als der Sudan ;-)



totorello 11/17/2010 19:34


Marc, ich mache mir Sorgen und möchte an dieser Stelle auf folgende Internetseite verweisen, vielleicht nimmst Du sie ernst:
http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/Libyen/LibyenSicherheit.html

Dort heißt es zum Thema Straßenverkehr: "Wer in einen Verkehrsunfall verwickelt ist, bei dem jemand infolge des Verkehrsunfalls Verletzungen erleidet oder stirbt, muss damit rechnen während der
Untersuchung des Unfalles und des sich daran anschließenden Verfahrens das Land nicht verlassen zu dürfen."


Maw 10 11/18/2010 10:37



Stimmt, dass steht da. Aber der Hund hat keine Anzeige gemacht und somit ist auch kein laufendes Verfahren vorhanden.


Für dich wäre da eventuell diese Passage interessant:"Die Landesgrenze zwischen Libyen und Sudan ist seit dem 29. Juni 2010 bis auf Weiteres geschlossen." Könnte zwar nicht sagen warum, aber es
hatte mich gereizt, diese Zeile zu kopieren. ;-)


PS. Bitte bring ein paar Tischtennisbälle mit. Danke Föhn



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