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24. Februar 2011 4 24 /02 /Februar /2011 13:13

Vorgänger Lage der Nation II

                    Lage der Nation III

{Sollte ein Leser empfinden, dass ich im Folgenden zu humoristisch mit der aktuellen Realität in Libyen umgehe, bitte ich zu bedenken, dass Menschen unterschiedlich Erlebtes verarbeiten.}

Gleich am Eingang von Ajdabiya war eine Tankstelle, die einen erstaunlich normalen Betrieb hatte, was uns beruhigte und zum Tanken einlud. Auffällig waren nur die Unmengen von Ersatzkanistern, die alle vor uns Tankenden zusätzlich abfüllten. Verwunderung darüber gab es allerdings nicht, denn es war davon auszugehen, dass den unruhigen Regionen in nächster Zeit der Benzinhahn zugedreht werden würde, um diese Möglichkeit der Mobilität und Bandbeschleuniger auszutrocknen.

LdN IV-01- klein

 

Mit vollem Tank ging es zurück auf die Straße und somit auch in die Stadt. Wie schon in Dernah waren auch in Ajdabiya alle Polizeistationen und diverse öffentliche Gebäude in Brand gesteckt worden, allerdings waren die Brände noch sehr frisch, so das teilweise noch die Flammen aus den Fenstern schlugen. Wo es nur noch qualmte waren fleißige Monteure dabei den letzten Nutzwert aus den Gebäuden zu deinstallieren (Klimaanlagen etc.) und abzutransportieren.

 

LdN IV-02- klein

Während wir über die Hauptstraße fuhren wurde der Verkehr langsam dichter und plötzlich sahen wir ca. 200 Meter vor uns eine kleine Gruppe von etwa sechs Männern auf der Straße, die mit maskierten Gesichtern anscheinend vor hatten auf eigene Faust den Verkehr zu kontrollieren. Aus meiner Position im zweiten Wagen, war zu erkennen, dass der Mop, als wir näher kamen,  das ausländische Nummernschild des vorausfahrenden Wagens erkannt hatte. Die Stimmung schien sich unter den Jugendlichen aufzuheizen und sie fingen von Weitem an sich direkt in unseren Fahrweg zu stellen und forderten uns auf mit nach unten deutenden Hand- und Armbewegungen auf anzuhalten. Da links und rechts hohe Bordsteine, sowie Lampen und Bäume waren hatten wir ein stark eingeschränktes Fluchtfeld. Die Option tatsächlich anzuhalten sah Armin als Fahrer des ersten Wagens zum Glück auch nicht als verlockend, da dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Ende unserer Fahrt bedeutet hätte und so tat er das für uns einzig richtige. Er trat aufs Gas und hielt die Fahrspur, die direkt auf zwei Jungkontrolleure zu führte. Kurz bevor er diese erreichte brachten die beiden Wegelagerer mit einem Satz nach links in Sicherheit und Armin wich zusätzlich etwas nach rechts in Richtung Straßenkantstein aus. Dieser Schlenker nach rechts führte ihn genau durch eine Pfütze, dessen Wasser er mit einem Happy Splashing direkt über die jüngeren Schaulustigen spritzte, die wahrscheinlich ganz stolz ihre etwas älteren Brüder bei ihrer ersten Autoübernahme bejubel wollten. Doppeltes Pech für sie war, dass, während sich die Halbstarken lautstark und wild gestikulieren über Armin aufregten und ihm drohende Fäuste hinterher fuchtelten, ich ebenfalls die geöffnete Schneise nutzte und somit die zweite Ladung Wasser in ihre aufgeregten Gesichter schoss. Das tat mir zum einen Leid, aber ich war mir auch sicher, dass dieses Grüppchen nicht darauf aus war uns ihre politischen Ansichten in einem ruhigen Gespräch näher zu bringen, damit wir dann anschließend einen Tee trinken und passieren dürfen.

Als nächstes näherten wir uns einen Kreisverkehr, auf dem sich eine Ansammlung von mehreren Hundert Menschen befand. Da wurde uns schon etwas mulmig und fuhren langsam mit dem fließenden Verkehr darauf zu, indem wir uns nach eventuellen Extraausfahrten umsahen. Die gab es zwar nicht, aber zu unserem Glück besetzt die Menge den linken Teil des Kreisverkehres. Wir, die aber geradeaus fahren wollten, konnten somit unbehelligt über die rechte Seite den Pulk umfahren und als Ajdabiya von unseren Rücklichtern bestrahlt wurde, waren wir alle sehr froh, dass wir diesen Engpass unbeschadet durchquert hatten.

Nun war der Weg nach Sirte die nächste große Etappe, die mit weiteren 450 km vor uns lag. In den ersten Ortschaften, die zu beiden Seiten an uns vorbei folgen, war das Bild der verbrannten Polizeistationen noch unverändert. Erst nach ca. 80 Kilometern hinter der Stadt Marsa al Buraygah schien eine gewisse libysche Normalität einzukehren und wir getrauten uns sogar an einem Shop anzuhalten, um uns etwas Verpflegung zu besorgen. Nach weiteren 350 Kilometern ruhiger Fahrt, konnten wir die Küstenstadt Sirte am Horizont ausmachen. Mittlerer weile war es gegen 20:00 Uhr und schon vor längeren hatte uns die Nacht in seine Schatten eingehüllt. Kurz vor Sirte mussten wir feststellen, das wohl eben diese Dunkelheit, die Nervosität und Anspannung der Sirter gesteigert hatte.

Dazu muss man erwähnen, dass Sirte eine Hochburg der Regierungstreuen darstellt, da die Wurzeln des großen Führers aus dieser Umgebung stammen und diese Region dementsprechend auch gefördert wurde. Somit hatten wir also nichts Besseres vor, als in Zeiten der Unruhe gegen das Regime in einen Hochsicherheitstrakts des selbigen zu fahren. Viel Erfolg!

Noch vor dem offiziellen Checkpoint begannen deshalb auch schon die ersten Fahrzeugkontrollen, die nur Ausweise bzw. Pässe verlangten. Beim nächsten Kontrollpunkt ca. 800 Meter weiter sollten wir dann schon mal Aussteigen und es wurde nachgeschaut, ob wir nicht einen Blindenpassagier unter dem Gepäck versteckt hatten. Ab der zweiten Kontrolle verdichtete sich das Netz von Straßensperren und man bekam das Gefühl, dass an diesem Abend jeder einmal Polizist spielen wollte. In einem maximalen Abstand von 500 Metern gab es Unmengen Straßensperren vom Militär oder von der Polizei in Form von Autos, die die Straße zum Engpass verstellt hatten oder den regulären Kontrollhäuschen. Ebenfalls fühlte sich wiedermal viele Junge Bürger dazu erkoren, ihren Anteil an den Kontrollen zu leisten und blockierten zusätzlich mit ihren Autos die Straße, um dann gepflegt in unseren Koffern zu wühlen.

Eine Durchsuchung gesellte sich zu der Nächsten. Je nach Laune, Ausbildung oder Neugier des Kontrolleurs wurden wir wurden abgetastet, die Handys auf Internetverbindung geprüft, die Autos durchleuchtet, das Gepäck durchwühlt und wir mussten natürlich Rede und Antwort darüber stehen, wo wir her kamen, was unser Ziel sei oder was das für Gegenstände waren, die sich  in den Koffern befanden. So hatte ich einen besonders Interessierten versucht zu erklären, was auf dem geretteten Film „Voll auf die Nüsse“ vor sich geht und wie ein Hörbuch auf CD funktioniert. Vorspielend er hätte alles verstanden, ließ aber auch dieser mich lachend weiterfahren, damit ich in der nächsten Kontrolle einen anderen Gegenstand erklären durfte.

Egal ob Militär, Polizist oder Zivilist, alle waren gut bewaffnet und ließen einen nicht darüber nachdenken, ob man einfach mal versucht ohne anzuhalten weiter zu fahren.

Gute drei Stunden und gefahrenen 2 Kilometern und nachdem gefühlt nur noch eine Darmspiegelung fehlte, zog Thore die Notbremse. Wir befanden uns grade in der 12ten Kontrolle und ich musste meinen Laptop starten, um eine mögliche Internetverbindung auszuschließen, als Thore seinen einflussreichen Bekannten anrief. Da dieser unbedingt wollte, das Thore noch an diesem Abend vorbeikam, setzt Thore im das Messer auf die Brust und gab ihm die Möglichkeit entweder auf seine Besuch zu verzichten oder jemanden vorbeizuschicken, der uns bei all den Kontrollen unterstützt. Angenehmer weise entschied sich der Bekannte für die letztere Variante und nach ca. einer halben Stunde kam ein Pick-Up vorbei, der uns im Sinne eines Schneepfluges den Weg frei räumen sollte. Leider lief dies bei der nächsten Station aber ganz anders ab, während unser Schneepflug noch in tiefen Diskussionen mit dem Wachhabenden verstrickt war, konnte ich mit meinem Fahrzeug in einer parallelen Kontrollschlange schon passieren. Na Klasse! Also hatten wir nur eine Fahrzeug zum Kontrollieren mehr in unserem Mini-Konvoi, aber keine wirkliche Entlastung erhalten.

Das Blatt wendete sich allerdings gleich bei der 15ten oder 16ten Kontrolle, denn dort konnte der Neue einen wirklichen Vorblocker akquirieren. Dieser Wagen fuhr von da an immer zum nächsten Kontrollposten, quatschte den Hauptmann voll und winkte uns durch. Danach überholte er uns wieder und das Spiel begann von vorn. Nach der 25sten Kontrolle habe ich dann mit dem zählen aufgehört, weil ich mich auf den Verkehr konzentrieren musste.

In der Stadt Sirte selber, die nicht nur im Verhältnis zu allen mir bisher bekannten Libyschen Städten sehr sauber und ordentlich aussah, fuhren viele junge Menschen überschwänglich hupend und grüne Fahnen schwingend durch die Straßen und ließen das Gummi auf dem Asphalt rauchen und quietschen. Grün war eh die dominierende Farbe. Jeder der zig privaten Kontrolleure, die uns vorher nach Herzenslust gefilzt hatten, trug etwas Grünes um ihre Linientreue zu demonstrieren. Für den Bruchteil einer Nanosekunde kam mir - in der 6sten Kontrolle glaube ich- auch der Gedanke in den Kopf mir eine Grüne Unterhose aufzusetzen und einfach mit lauten Hupen mit dem Tross durch die weitern Kontrollen zu fahren. Aber zum einen hatte ich keine grüne Unterhose und zum andern war kam mir die Schneepflug Variante im Nachhinein doch sicherer vor.

LdN IV-05- kleinKurz nach Mitternacht kamen wir in dem Baucamp von Thores früherer Firma an, in der freundlicher weise für jeden von uns ein Zimmer und ein kleiner Snack bereit standen. Die schöne Lage des Camps direkt am Mittelmeer konnten wir allerdings durch die Dunkelheit und die übrigen Umstände nicht wirklich genießen.

Als erste Amtshandlung auf dem Zimmer kopierte ich dann die Bilder von den brennenden Häusern, die unseren Weg bisher flankiert hatten, auf den Laptop, damit ich zu mindestens eine Sicherung besaß. Während ich mir danach unter der Dusche den Wüstensand aus dem Gefieder wusch, war der arme Thore schon auf den Weg, um den versprochenen Besuch bei seinem Bekannten zu erledigen. Etwa gegen 3:00 morgens durfte dann auch Thore das Kissen auf seinem Bett gegen den Autositz eintauschen, um sich für den nächsten Teil der Reise auszuruhen.

Fortsetzung folgt…

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Kommentare

ich selber 02/25/2011 09:40


@ S. A.

leider kann mein E-mail-Provider nicht auf Hotmail-Adressen antworten. (ja, ja wahrlich ein Grund zum Wechseln) und deshalb antworte ich mit diesem Kommentar auf deine Frage und hoffe, dass du die
Antwort so erhälst.

Ich hab bis vor vier Tagen in der Bauüberwachung von Infrastrukturprojekten gearbeitet.


Chris 02/24/2011 23:18


wow, ein sehr spannender Bericht. Bin zufällig drüber "gestolpert" beim Googeln. Ich glaube, wer nicht selbst längere Zeit mal im Nahen Osten, Nordafrika etc. gelebt hat, wird vieles (auch eine
gewisse - wie ich finde erfrischende - Süffisanz) nicht nachvollziehen können. Bin sehr gespannt auf die Fortsetzung(en)! Danke!


Maw 10 02/25/2011 09:04



Gern geschehen.


Mir hat es in den letzten Jahren in Libyen durchaus geholfen, die meisten Dinge mit Humor zu nehmen, was nicht zwangsläufig bedeuten soll,
dass ich das jeweilige Thema nicht im selben Moment auch ernst nahm.


Andere Dinge wirken für mein europäisch geprägtes Leben, einfach absurd, obwohl es dort die Normalität darstellt. Alles nur eine Frage des
Blickwinkels und der äußeren Umstände und wenn ich es richtig raus gelesen habe, hast du ähnlich Erfahrungen gemacht ;-)



Heinzer 02/24/2011 15:51


Oh man, ganz ehrlich..BILD macht dich reicht..Naja, für Nivea vielleicht auch Spiegel oder Focus.Alternativ auch RTL oder was weiß ich... Diese GEschichte kannst du verkaufen und Kohle machen - auf
jeden Fall...(denk an meien 10% für die Idee).


Maw 10 02/25/2011 08:53



Das wär nicht schlecht, wenn es klappt lade ich dich auf einen Suflaki bei Stavros ein ;-)



Schwesterherz 02/24/2011 14:14


... ich frage mich gerade, wie genau Du den selbsternannten Kontrolleuren die flauschigen Freunde zum Häkeln erklärt hast ... denn die waren ja wohl 1. schon fertig und 2. hast Du die ja wohl nicht
zurückgelassen, oder???


Maw 10 02/25/2011 08:52



Eigentlich war der ganze Koffer voll flauschiger Häckelfreunde. Ich habe mich dann in Sirte auch an die Straße gestellt und einige gegen Waffen eingetauscht. Die waren echt der Renner ;-)



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