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13. Dezember 2010 1 13 /12 /Dezember /2010 07:26

Es ist Zeit philosophisch zu werden über die Zeit.

Es gibt etwas was viele Libyer haben und das scheint Zeit zu sein. Auch wenn im Stau mal gehupt oder an der Kasse gedrängelt wird, so ist es selten ein Fehlen an Zeit und die damit steigende Ungeduld und der Unmut wie bei uns, das zu diesen Verhaltensformen führt, sondern es handelt sich eher um  eine kommunikative Ebene des Miteinanders, die funktioniert ohne viel Stress zu erzeugen.

Dieses Nichtvorhandensein von Zeitdruck, ist innerhalb der Arbeitswelt wie wir sie kennen natürlich fatal, aber in der richtigen Dosierung könnte dies auch so manchen Burnout in unserer Arbeitsgesellschaft abwenden. Es kommt eben immer auf die Menge an und es gibt nur sehr, sehr wenige Dinge im Leben, bei der eine Überdosierung keinen Schaden verursacht. Wobei es natürlich immer im Sinne des Betrachters liegt, was man als einen Schaden ansieht.

Aber um auf die Zeit zurück zukommen, durfte ich die Vorteile genießen, die es hat, wenn man jemanden trifft, der Zeit hat.

So habe ich gestern auf dem Weg vom Frisör zum Auto erst einmal unbemerkt meinen Personalausweis verloren. Normalerweise braucht man den Perso hier ja nicht, aber ich  hatte ihn wie immer genutzt, um dem Frisör die ungefähre Richtung seines Kunstwerkes auf meinem Kopf zu zeigen. Nachdem mir der Verlust heute bewusst wurde, bin ich erst einmal am Morgen die menschenleere Straße vorm Frisör-Salon entlang marschiert, in der Hoffnung den Ausweis vor den geschlossenen Geschäften zu finden. Aber da war nichts zu sehen und ich beschloss am Abend zurückzukehren, um bei den geöffneten Läden mein Glück zu probieren.

Als ich zur Dämmerung beim Frisör eintraf, wolle es das Schicksal, dass auch Erkan ein Hubschrauberpilot beim Militär, mit gebrauchsfähigen Englisch Kenntnissen auf einen Haarschnitt wartete. Als ich versuchte mein Anliegen dem Frisör zu vermitteln, nahm sich Erkan, da er die Sprachbarriere erkannte, gleich meiner an und ließ sich mein Missgeschick erklären. Daraufhin nahm er mich ohne zu Zögern bei der Hand und klapperte mit mir alle Läden ab, die am Abend davor zwischen mir und meinem Parkplatz lagen. Er befragte auch den Straßenkehrer und organisiert einen weiteren Ladenbesitzer sich bei den Leuten umhörte.

Ich selber hatte von Beginn an keine größeren Hoffnung in die Suche gelegt, sondern schon mal im Internet geprüft, was man für eine Beantragung eines neuen Personalausweises benötigt. Ganz so schlimm wie ein Libyscher Kollege hatte ich die Lage allerdings auch nicht eingeschätzt, denn sein Schreckens-Szenario beinhaltete, dass der Finder einen Raubüberfall begehen und dann meinen Ausweis absichtlich liegen lassen würde, um die Polizei auf meine Fährte zu locken. Libyscher Knast for ever und er kreierte diese Version in seinem Kopf ganz trocken und ernst, als ob dies das Standard-Happy-End eines verlorenen Ausweises wäre.

Aber ich hatte zum Glück Erkan als Fährtenleser an meiner Seite und als die einfache Befragung zu keinem Ergebnis führte, kam ihm ein Hotel in den Sinn, dass ganz in der Nähe lag. Somit nahm er mich abermals in Schlepptau und was soll ich sagen, seine Intuition war goldrichtig. Ich hätte hinter der Tür, die er zielstrebig anvisierte, zwar kein Hotel  vermutet, aber den Einheimischen war es wohl bekannt. Auch der Finder hatte Erkans Gedanken gehabt, dass ein nicht Arabisches Dokument, das auf der Straße liegt, wohl am ehesten von Besuchern eines Hotels verloren wird. Und da war dann auch mein Ausweis bei der Hotelrezeption gelandet. Al Hamdullilah!

Insgesamt hat sich Erkan wohl 40 Minuten Zeit genommen, um mir zu helfen, was ich sehr  beachtlich finde. Neben seiner natürlichen Hilfsbereitschaft spreche ich das aber auch dem Umstand zu, dass er eben Zeit hatte und nicht der nächste Termin schon in den Startlöchern stand.

So, beim nächsten Mal besprechen wir in unserer philosophischen Selbsthilfegruppe die Analogie der Ansichten „Zeit haben und Zeit nehmen“ und  „ Recht haben und Recht bekommen“ .

 

 

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Published by Maw 10 - in Meine Welt
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