Kurze Erlebnisberichte über meinen Aufenthalt in Libyen und jetzt auch Albanien
Ein Abend voller Überraschungen.
Um 20:00 Uhr libyscher Zeit und 19:00 Uhr deutscher Zeit durfte mein Gegenüber und ich das erste Halbfinale anstoßen. Ca. 2 Stunden vor dem Spiel war ich wie üblich ordentlich nervös, auch wenn mir Albert gut zusprach. Ohne Alberts Gegner zu kennen waren wir uns einig, dass ich den schwierigeren, aber machbaren Weg beschreiten müsste um ins Finale zu gelangen. So bereitete ich mich innerlich auf eine 5 Sätze Partie vor und schob mir noch schnell einen Schokoriegel in den Kopf, um nicht mitten im Spiel einen Zuckersturz zu erleiden.
Ich durfte als erstes Aufschlagen und als ich damit fertig war, wurde mir eins klar. Der auf der anderen Seite des Tisches kann absolut gar nichts mit meinem Aufschlag anfangen. Deshalb stand es da auch schon 5:0 in Punkten für mich, als mein Konkurrent um den Titel seinen ersten Aufschlag sichtlich überrascht in meine Richtung pfefferte. Meine Nervosität war vollkommen verflogen und ich durfte mich nach knapp einer Viertelstunde und 3 gewonnen Sätzen als erster Finalist beglückwünschen lassen. Natürlich habe aufgrund des überwiegend türkischen Publikums (alle außer Albert) darauf verzichtet größere Gefühlsausbrüche freien Lauf zu lassen. Ich habe mich da eher nach innen gefreut.
Eine halbe Stunde später war dann Alberts Halbfinal und wie schon erwähnt hatten wir seinen Widersacher noch nicht einmal spielen sehen und waren gespannt wie er es so weit gebracht hatte. Die Antwort sollte nicht lange schuldig bleiben. Bist du deppert! Der Junge spielte wie von einem anderen Planeten. Wahrscheinlich direkt aus der Tischtennis-Weltliga eingeflogen, damit von der obersten Stufe des Siegertreppchens auf jeden Fall die Türkische Fahne weht. Es gab keine erkennbaren Schwächen in seinem Spiel. Der Aufschlag kam mit Schmackes und so viel Schnitt, so dass der Ball gefühlt direkte nach rechts oder links abbog. Erschreckend. Sobald er den Ball zurück bekam fühlte man sich in die Matrix versetzt. Als ob sich Raum und Zeit ausdehnten und während man selber noch versuchte den Ball mit dem Augen zu erfassen, hatte sich Neo der Auserwählte schon lange dafür entschieden, ob er mit einem Schmetterball returniert oder ob er den Ball weich über das Netz ablegt. Unglaublich. Präzision und Gewalt in einem Schlag. Selbst der bei allen anderen (inklusive mir) so gefürchtete ultraschnelle und grade Aufschlag von Albert, brachte bei Neo keine Schwäche zum Vorschein. Gegen seine Spielweise war kein Kraut gewachsen und so musste Albert leider nach drei Sätzen Neo den Vorzug ins Finale lassen.
Na schönen Dank. Da kann ich mich am nächsten Samstag auf eine feine Demontage meinerseits freuen. Ich bin wirklich keiner der so einfach aufgibt, aber wenn man seine Grenzen nicht erkennt, dann ist man auch ein Träumer, der gelegentlich schmerzhaft geweckt wird. Ich denke darüber nach, ob ich mir bis Samstag Urlaub nehme und kurz nach Asien fliege, um mich von einem Meister des Tischtennis in einem Schnellkurs in den Geheimisse des Spiels unterrichten lasse. Wahlweise könnte ich dort eventuell auch pharmazeutische Produkte erwerben, die mich in einer unbesiegbaren Schmettermaschine verwandeln. Da wird es doch irgendein Zauberpulver geben, das man in den verrauchten Hinterhöfen von Peking gegen seine Seele eintauschen kann. Verlange ich denn zu viel?
Auf unsere Frage, ob Neo schon mal im Verein gespielt hätte, hat der Tiefstapler natürlich mit Nein geantwortet. Hätte nur noch gefehlt, dass er behauptet er halte grade das erste Mal einen Tischtennisschläger in der Hand.
Nicht das Neo es gemacht hätte, aber das sind mir die liebsten.
– Historischer Abstecher/Vergangenheitsbewältigung: In meiner Schulzeit da gab es einen Klassenkameraden der eindeutig und ungefährdet der schnellste 100 m-Läufer in der Klasse war. Den zweiten Platz konnte ich mir meist unproblematisch erbeuten, aber ihn zu knacken war echt eine Herausforderung. Anstatt seine Siege souverän einzufahren bediente er sich einer Taktik, die mir bis heute auf die Nüsse geht. Die extreme Untertreibung, die bei einem Sieg zur Verhöhnung des Mitspielers mutiert. Spätestens wenn man sich an der Startlinie zusammen gefunden hatte, drehte er sich zu einem und sagte Sachen wie „Mensch, weiß gar nicht, ob ich heute so schnell laufen kann, denn ich hab mir vorhin den Knöchel verknackst“ oder „…, denn ich habe heute Nacht durch gekotzt“ oder „…, denn ich hab heute meine Laufschuhe vergessen“ oder oder oder. Jedes Mal, aber auch jedes Mal gab es irgendetwas, das seine Laufstärke behindern würde. Nachdem er dann an der Ziellinie auf einen wartete, trieb er mich nahezu in den Wahnsinn, wenn er dann ganz verwundert und überrascht, nicht direkt zu mir aber laut genug, dass man es hören konnte, Aussprüche brachte wie: „Hätte ich ja nicht gedacht, dass ich trotz meines Knöchels noch der Schnellste bin!“ Aaaaaaahhhhhh. Perfekter Weise hatte er ja auch für die wenigen Siege meinerseits immer vorgesorgt und seine Entschuldigung vorab kundgetan, sodass der Gewinn irgendwie etwas schaler schmeckte. Auch wenn es sich nicht so anhört, ich habe es mittlerweile verkraftet, nur diese Taktik ist mir bis heute unsympathisch –
Auf jeden Fall habe ich bis Samstag genügend Zeit mein Spiel-T-Shirt zu waschen, damit es mir im Finale Glück bringt. Denn das wird ganz sicher ein Job für Supermann!!!