Kurze Erlebnisberichte über meinen Aufenthalt in Libyen und jetzt auch Albanien
Die Zeiten sind vorbei, als ich im jugendlichen Leichtsinn noch meinen Pony mit Gel zu einem prachtvollen Pfauenrad formierte oder die Matte einfach über die Stirn fallen ließ. Nicht das es mir nicht möglich wäre, meine Haare wieder so lang wachsen zu lassen, aber ich bin seit Jahren ein großer Verfechter der pflegeleichten Kurzhaarfrisur. Weniger Shampoo, weniger trocknen, weniger Aufwand und wenn man morgens aufsteht, gibt es frisurtechnisch keine Überraschungen im Spiegel. Herrlich.
Ich muss gestehen, dass ich seit unserem Umzug in die Weltmetropole Dernah vor über 4 Monaten, zum Haareschneiden immer die mir bekannten Frisöre im 60 Km entfernten Sousa angesteuert habe. Durchaus zeitaufwändig, aber ich kannte das für mich vertretbare Ergebnis und längere Erklärungen über Länge und Gestaltung waren auch nicht mehr nötig. Trotzdem war es an der Zeit mal die örtlichen Barbiere auf Herz und Nieren zu prüfen, um mir die Stunde Fahrt und das Risiko, dass Sousas Meisterstylisten geschlossen eine kreative Arbeitspause einlegten, zu ersparen.
Ich fuhr also nach Dernah und fand auch einen Laden, der einen Friseursalon darstellen sollte. Der Meister war grade in der Kaffeepause nebenan, aber zwei Jungen saßen schon auf den Wartemöbeln. Nachdem ich mit der standartmäßigen arabischen Begrüßung „ Gif halik“ nach ihrem Befinden gefragt hatte, kam wohl der fälschliche Eindruck auf, dass ich der Libyschen Sprache mächtig sein. Daher plauderten die beiden ca. 10 jährigen Dernahrianer unentwegt auf mich ein, zählten Europäische Fußballklubs und Automarken auf und sabbelten sich in Ektase.
Zwischenzeitlich fühlte ich mich an meine letzten Chemiestunden erinnert, bevor ich das Fach abgegeben habe. Aus der Richtung des Lehrers wurden über die Luftschwingung Worte an meine Ohren getragen, die ich hören, aber nicht festhalten konnte. Sie entglitten mir direkt über das andere Ohr wieder und ich konnte es nicht verhindern. Um diesen Umstand nicht preiszugeben, folgte ich höflich mit meinem Kopf den Bewegungen des Lehrers und versuchte sowohl Interesse, als auch Wachsamkeit auf meinen Gesichtszügen wiederspiegeln zu lassen. Ich bezweifele allerdings, dass mir dies seinerzeit gelang.
Auf eine gestikulierende gestellte Frage meinerseits nach dem wehrten Meistro, ließen die beiden Tratschtanten von mir ab, um erfolgreich einen etwas rundlichen 17-jährigen aus dem Kaffee-Shop von nebenan zu holen, der sichtlich genervt, von all dem Stress den Salon und somit seine Bühne betrat.
Wie üblich für Besuche bei einem neuen Frisör, legte ich meinen Personalausweis vor, um die Zielrichtung bildlich vorzugeben und die Feinheiten, dann mit den Händen anzudeuten. An den Seiten kurz rasieren und oben in etwa eine Fingerbreite stehen lassen. Für diese gewollte Anordnung musste ich von sogenannten Freunden schon häufiger den Namen GI Joe kassieren. Oder auch den Klassiker aller schlechten Frisörwitze
„Na, warst du beim Frisör?“,
„Ja, wieso?“,
„Den Prozess gewinnst du!“
Ein Schenkelklopfer erste Güte und nichts für schwache Blasen.
Aber weiter im Text. Im Großen und Ganzen hatte Er/Es mich wohl verstanden und begann dann auch gleich sich ans Werk zu machen. Als er anfing mir den Rasier kräftig gegen die Schläfen zu pressen wurde mir ganz anders und ich hoffte noch auf ein Versehen. Aber es sollte bei der Hoffnung bleiben.
Schnell wurde mir klar, dass es sich hier nicht um den Primus seiner Frisör-Abschlussklasse handelte, der sich an meinem Kopf zu schaffen machte, sondern ich mich in den Hände eines Umschülers befand, der bei seiner vorherigen Lehre als Fleischfachverkäufter von der eigenen Zunft unehrenhaft entlassen wurde, weil er wiederholt fahrlässig das rohe Fleisch zu grob angepackt und behandelt hatte. Er presste den Rasierer so fest auf, dass ich automatisch mit dem Kopf nachgab. Aber ich war wohl nicht der erste mit dieser Überlebensstrategie in diesen unheimlichen rosagestrichenen Wänden, denn für solche Fälle hatte sich der junge Figero schon eine passende Technik vorbereitet. Anstatt den Rasierer über die Konturen gleiten zu lassen, packe er einfach meinen Kopf und ließ diesen über den starr gehaltenen Rasierer tanzen. Das muss man auch erst einmal hinkriegen. Zwischendurch nahm er den großen Pinsel, der zum Entfernen von Haaren aus dem Gesicht gedacht ist und den ich in meiner Erinnerung immer als weich und angenehm empfunden hatte. Der Schlächter hingegen rammte mir das Folterwerkzeug erst senkrecht an den Kopf, um ihn dann in einer schnellen Handbewegung einmal von links und im Rückweg von rechts gegen die Stirn zu dreschen. Um das Gesamtbild ästhetisch abzurunden zog er ständig die Nase laut und schmatzend, gerne auch auf Höhe meines Ohres, hoch. Mein persönlicher Höhepunkt war das Niesen in seine Hand, die dann sofort fleißig in meinen Haaren verschwand, um diese für den Scherenschnitt aufrecht zu halten. Als er dann eine Rasierklinge auspackte, um die Haare an den Übergängen zu entfernen, hatte ich eigentlich schon mit dem Leben abgeschlossen.
Ihr fragt zu Recht, warum ich denn nicht einfach aufgestanden und gegangen bin, aber es war wohl eine Mischung aus Angst, Faszination des Schrecken und Neugier, was ich verpassen würde, die mich mit unsichtbarer Hand in den schwarzen Stuhl aus Lederimitat gefesselt hielten.
Eines muss ich dem Folterknecht schon lassen, er braucht sich nicht vor den Verhörmethoden von FBI, CIA, MI5 oder der Mafia zu verstecken. Auch mit der nesbØischen neunstufigen Verhörtechnik von Inbaud, Reid und Buckley kann er unbekümmert konkurrieren (Immer schön mit Romanwissen um sich hauen). Hätte er ein Geständnis von mir verlangt, egal was, ich hätte alles zugegeben.
Als er endlich von mir abließ und nach meiner Meinung fragte, nickte ich schnell, um dem Leiden ein Ende zu setzen, aber die Risse in meiner Seele werden wohl auf immer als Schatten in meiner Erinnerung verweilen.
Wohlwissend, dass es undankbar ist, werde ich beim nächsten Mal einen anderen Frisör ausprobieren oder für immer auf derartige Besuche verzichten und auf Zöpfe umsteigen.
Rapunzel lässt grüßen